The Voyeur

August 28, 2010

© danamacy 2006

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Ein Schrei zerriss die heiße Berliner Nacht. Dann Stille.

Der Professor steht am Fenster seiner Wohnung im fünften Stock und sucht die Fenster des gegenüber liegenden Hauses ab.  Zuerst sieht er nichts. Ein abnehmender Mond hängt über der verlassenen Straße und wirft ein bläuliches Licht.

Ah, da war sie ja! Sie war zerbrechlich und rothaarig,  mit zierlichen Gesichtszügen. Sie lag auf ihrem Sofa wie ein unschuldiges Kind, und er stellte sich den Duft von Jasmin vor. Als er sie so betrachtete, fühlte er sich wie der verlorene Sohn, der nach Jahren der Wanderschaft nach Hause zurückgekehrt war. Seine Sehnsucht, sein Leid wurden zu einem Wunsch nach himmlischer Umarmung. Jetzt flammte der Fernseher auf, verängstigt und heftig in dem abgedunkelten Raum, in dem sie lag, ruhig und nackt, ihr Blick leer in seinem blauen Schimmer.

Wer aber hatte geschrieen?

Der Professor richtete sein Fernrohr auf das Fenster. Sie trug ein jadefarbenes Medaillon, das tief zwischen ihren Brüsten hing, und sie streichelte den weichen Stein, spielte damit über ihren Brustwarzen. Als er sie so beobachtete, wanderten seine Gedanken zu einer seiner Patientinnen, einer jungen Frau, deren innige Versunkenheit in die globalen menschlichen Gegebenheiten hoffnungslos  mit ihrer persönlichen Wirklichkeit verstrickt war. Die Berliner Mauer war gefallen, zerstreute emotionale Verluste wie Trümmer über das ganze Land, und sie war eines dieser Trümmerstücke. Ohne zu wissen, warum, verband er diese beiden Frauen ganz eng miteinander – seine Patientin und diese Frau in dem blauen Licht.

Unser Professor, den wir noch kennen lernen werden, beobachtet die Frau aus dem Fenster seines Büros. Wir bemerken seine markanten Gesichtszüge, eingerahmt von einer Masse unbändiger mahagonifarbener Haare, gepaart mit auffallend grünen Augen. Hinter diesen Augen gibt es Anzeichen von Quälerei, eine tiefe und unbeschreibliche Sehnsucht hinter einem Schleier äußerlicher Ruhe. Wir schauen zu, wie er auf das Tonbandgerät auf seinem Schreibtisch zugeht. Wir sind nicht überrascht, zu sehen, dass er zittert, als er auf START drückt.

Die Stimme der Patientin, voller naiver Unschuld, strömt durch ihn hindurch in Wellen der Begierde. Er konnte dieses Gefühl nicht abstellen, obwohl es ihn mit schmerzlichen Schuldgefühlen erfüllte, die Schuld von Lebzeiten und darüber hinaus. Sein Leben erschien ihm sinnlos, ein Versagen. Er konnte den Grund für seine eigene Existenz nicht begreifen, und er grübelte über das Mysterium seines Berufes nach, eines Psychotherapeuten, der dazu da ist, anderen zu helfen. Alles, was er jemals wollte, war frei von seinen Gedanken zu sein, alles Denken auszulöschen. Wenn er nur einfach in reinem Nichtssein bleiben könne – wenn er nur, wie die Sterne, außerhalb der Zeit existieren könnte.

Wir hören, wie die Patientin leidenschaftlich betont: „Wir müssen unbedingt unsere Verpflichtung über die Kleinfamilie hinaus erweitern! Wir müssen unsere Vorstellung für das größere Gut erweitern!“

Der Blick des Professors senkte sich. Dieses ergreifende Streben nach einer Art moralischen Gerechtigkeit vertiefte nur seine Qual, eine Absonderung von der Menschheit, die ihn als jemanden zurückließ, der nach dem Sinn seines Lebens suchte, nach einer Wahrheit, die jenseits von Gerechtigkeit lag, jenseits dieses grotesken Spektakels der Menschheit, das sich vor ihm ausstreckte.

Jetzt zittert die Stimme der Patientin mit einer nervösen Panik, wirbelt aus dem Tonband heraus und hinein in die empfindsamen Teile seines Körpers. Ihre Unschuld wird zu Wut.

Wir spüren seine Gefühle ganz deutlich. Er fühlt sich gefangen. Er bezweifelt, dass er der Patientin helfen kann. Er bezweifelt sogar, dass er sich selbst helfen kann.

Der Professor fand einen Ausweg in einer Sache, und die war ein Versprechen, das jenseits des Fensters seiner Wohnung lag – die Frau in dem blauen Licht. Er stellte die Kamera scharf und  stellte fest, dass ihre Hände sich zwischen zwei blasse weiche Schenkel zwängten, und er machte das erste Foto. Genau in dem Moment schreckte sie auf, und der Professor spürte, wie sein Puls schneller wurde und eine Hitzewelle durch seinen Körper schoß. Dann kam der vertraute Schock, als die Wohnungstür der Frau aufging. Eine mürrische Gestalt schlurfte auf ihre wartende Nacktheit zu. Er stürzte sich auf sie, spreizte sie auseinander, wobei er an ihrem Medaillon zerrte, und zwang sie vom Sofa auf die Knie. Mit einer Hand ergriff er einen Büschel ihrer Haare, während die andere seinen Gürtel löste. Der Professor sah ihren Ausdruck von Unterwerfung, als ihr Gesicht mit Gewalt gestoßen wurde. Der Professor dachte, es sei nur ein Spiel für die beiden … schäbige Unterhaltung. Er beobachte verängstigt weiter, – machte ein Foto, dann noch eins und noch eins. Auf diese Weise besaß er die Frau, unsterblich gemacht durch die Linse seiner Kamera. Er hatte sie oft beobachtet, wie ihre reine Gegenwart ihm einen Hafen der Gewissheit in einer ungewissen Gegenwart bot.

Die Patientin redete weiter, drang in seine Träumerei ein. Sie hatte eine verzweifelte Stimme, die sich in Abscheu verwandelte:

„Wir sind nicht bereit für diese neue Realität individuellen Strebens. Sie können sehen, wie sich die Masse von belanglosen Begierden verführen lässt. Mein Gott! Das bin ich, ich, ich! Und die banale Unterhaltung, die sie so sehr lieben! Jede Vision einer Weltgemeinschaft wird verloren gehen. Wir existieren nur, um unsere selbstsüchtigen Bedürfnisse zu befriedigen …“

Der Professor lachte. Er lachte über den ahnungsvollen Ton der Patientin, über seine eigene hilflose Verwirrung, während er der brutalen, leeren Begierde durch sein Fenster hindurch zusah.

Das sind nur dürftige Antworten, dachte er, und fühlte sich verlorener als je zuvor.

Schon langer zuvor hatte der Professor die Telefonnummer der Frau herausgefunden. Er rief sie immer an, und wenn sie dann zum Telefon ging, fotografierte er ihre Bewegungen. Sie war  immer nackt und lag da wie eine Leiche in dem kalten blauen Licht des Fernsehers. Der Professor spürte eine gewisse Macht, die Macht, Tote zu erwecken. Sie lockte und erschreckte ihn, und er sah sie als seine blaue Frau, seine Madonna. Er versuchte, sie zu erreichen, wie ein Kind, das nach seiner Mutter greift. Bei solchen Gelegenheiten erwachte sie vor seinen Augen zum Leben. Er fühlte sich so, als würde er die Frau besitzen, da sie sich nur nach seinem Willen bewegte. Er wählte ihre Nummer. Seine Leistengegend schmerzte, und er atmete kaum, wartete … dann, beim dritten Klingelton …

„Sieh dir das an!“ Eine vulgäre Stimme zitterte mit anklagendem Wahnsinn, als er die Telefonschnur eng um ihre Knie wickelte und ihren schlaffen Körper über die Rückenlehne des Sofas warf. Mit obszönen Gesten wurde der Telefonhörer zwischen ihren glitzernden Schenkeln festgeklemmt. Der Eindringling spähte durch das Fenster des Professors, sein Gesicht verzerrte sich zu einem grausamen Spötteln, und er befleckte das Bild der unschuldigen blauen Frau. Der Professor taumelte, als wäre er geschlagen worden, und spürte einen brennenden Schmerz in seinem Gesicht.

Zwischen verschwommenem Fleisch trifft auf Fleisch und den Schreien des Opfers mischt sich die Stimme der Patientin in die Träumerei des Professors.

„Diese Leute haben keine Ahnung von individuellen Idealen, ganz zu schweigen davon, wie man mit solch einer Freiheit umgeht. Schau dir einfach das Bedürfnis an, einen anderen Menschen zu besitzen. Wir haben unsere Herzen verloren! Das menschliche Herz verliert seinen Weg in dieser Tragödie … in dieser so genannten Selbsterfüllung.“

Als die Proteste der Patientin ihren Höhepunkt erreichten, dachte er daran, wie ihr Körper bebte, wenn sie so sprach. Das erregte ihn, aber gleichzeitig fiel er in eine tiefe Verzweiflung, in den Abgrund der Selbstverachtung.

„Und was bedeutet das in Bezug auf seine eigene Ehe?“

Erschrocken über seine eigene Stimme auf dem Tonband verrenkte sich der Magen des Professors mit knirschendem Gespött.

„Alle Ehen versagen natürlich! Diese neue Freiheit ist eine Bedrohung für den Weltfrieden. Sie ist reiner selbstsüchtiger Individualismus! Unsere weltlichen Führer versinken in ihren eigenen häuslichen Sorgen.  Jeder kann sehen, wie sie von einer Krise in die nächste taumeln, bis sie nichts mehr tiefgründig sehen. Sie sind nicht imstande, über ihre Probleme hinauszuwachsen, um irgendein Gefühl von wechselseitiger Abhängigkeit zu begreifen.“

Hier ist keine Wahrheit möglich, dachte er … vielleicht nur eine relative Wahrheit. Und Sinnhaftigkeit? Er hatte keine Ahnung. Sein Wunsch danach, sich mit der Menschheit verbunden zu fühlen, war ein Gelüste, das ihn leer und unbefriedigt zurückließ. Er konnte nur am Fenster stehen und durch die Linse seiner Kamera zuschauen.

Der Eindringling schnallte seine Hose zu und flüchtete aus dem Zimmer, während die vergewaltigte Frau die Tür verriegelte und ans Fenster trat, ihre Nacktheit schimmerte im Mondlicht. Sie blickte geistig abwesend die Straße hinunter, wobei sie zaghaft ihre Arme und Brüste streichelte, als würde sie sich für ihre Weiblichkeit sammeln, um zu spüren, dass sie unversehrt war. Der Professor betrachtete sie in dieser Stille, entspannte sich, und sein Geist klärte sich; so klar wurde er, dass er spürte, wie ihre Gedanken zu einem entsetzlichen Schrei aufstiegen, der dann in Hoffnungslosigkeit versank.

Entfremdung erstickte ihn geradezu, als er sah, wie sie sich in den kühlen Glanz des Fernsehers zurückzog. Wenn er nur ihre Stimme hören, irgendwie ihre fremde Zärtlichkeit spüren könnte, dann würde er sie vielleicht endlich erreichen. Er würde ihre Seele berühren und die Missbildungen und Lügen des gewöhnlichen Lebens sanft beseitigen. Er würde unter der Oberfläche in ihre Tiefen eindringen und vielleicht dort die Wahrheit einer kommenden neuen Welt entdecken, einer nicht so konkreten Welt, einer nicht so moralischen und schuldigen Welt.

Wieder erreicht ihn die Stimme der Patientin, fordernd zerrt sie ihn an die Oberfläche, in eine künstliche Zone, und er ergibt sich schließlich. Ihre Aufrichtigkeit verspottet ihn, und ihre Worte pressten gegen seinen Willen:

„Die Wahrheit ist, dass wir nicht in der Lage sind, Ordnung herzustellen, Respekt für unsere eigenen Menschenrechte zu garantieren, ganz zu schweigen von Menschenrechten für den gesamten Planeten. Moralischer Bankrott! Das ist der Kern der Angelegenheit. Wir wissen nicht mehr, wofür wir kämpfen … oder welche Prinzipien wir verteidigen.“

Er hörte gebannt zu. Der Schrei stand in keiner Beziehung zu etwas Realem. Aber wer hatte geschrieen? Nacht für Nacht lieferte der Schrei ihn einem Ort des Durcheinanders aus. Das ergab ein verblassendes Bild, eine obskure menschliche Gestalt ohne Begrenzung des Fleisches, den geheiligten Arm vergeblich gegen eine überwältigende Ungerechtigkeit erhoben. Hatte er das jede Nacht geträumt?

Der Professor betrachtete die blaue Frau durch die Linse seiner Kamera, sie lag ruhig und weiß da, wie ein Mannequin. In diesem Moment verblassten seine Gefühle für sie. Sie ist eine Imitation, wie eine Reflektion aus dem Fernseher, eine Illusion von Frieden; aber nicht die Sache selbst – nicht das, wonach er sich sehnte.

„Unsere Zeit ist um.“

Das Band endete, und das Tonbandgerät klickte sich aus. Mit diesem Klicken überwältigte den Professor ein Gefühl von Verlorenheit, eine Angst vor Einsamkeit. Er sehnte sich nach der Fülle unendlichen Seins. Die Möglichkeit fühlte sich so weit weg an, dass er weinen wollte.

Mit impulsiven, manischen Bewegungen wählte der Professor die Nummer, diesmal mit Entschlossenheit, … menschlichen Kontakt herzustellen, die nackte Wahrheit zu spüren, ihr durch das Fenster gegenüber zu treten.

Sie nahm den Hörer ab und stand da, schaute direkt durch das Fenster, direkt zu ihm, durchbohrte sein Herz. Dunkle, ausdruckslose Augen trafen auf seine. In diesem Moment hatte der das Gefühl, als wüchsen sie ineinander. Er stellte sich eine wunderschöne Existenz vor, nicht gebunden an ein einziges Leben, sterblich zu sein und doch viele Leben zu leben. Ja, seine blaue Frau war ein Beweis für grenzenlose Freiheit, für Ewigkeit. Er dachte daran, sie zu besitzen, aber er wusste, das konnte ihn nicht befriedigen. Er wollte die Ewigkeit besitzen.

Heiße Tränen brannten in seinen Augen, und er wusste, dass die blaue Frau auch weinte. Er stellte sich vor, dass sie aus Liebe weinte. Ihre Tränen waren ein magisches Elixier, das Erlösung und Transzendenz brachte, Tränen, die alle physischen Begrenzungen auflösten und eine Einheit mit dem Unendlichen erzeugten.

Der Professor zitterte. Seine Sehnsucht nach zu Hause, sein Verlangen, seine Schuld und Angst lösten ich in Lachkrämpfe auf, vernichteten Lebzeiten einer namenlosen Angst. Eine Hingabe, die er noch nie erlebt hatte, überflutete sein Sein, und er flüchtete in eine Vision, die von der blauen Frau auf ihn überging – eine Vision unendlicher Vollkommenheit.

„Vielen Dank“, flüsterte er durch die Dunkelheit.

Gerade da hörte er, wie seine Stimme auf dem Tonband sagte: „Ihre Zeit ist um“.

Da war der Schrei. Die blaue Frau beobachtete, wie ein einziger Schuss in den verlassenen Straßen widerhallte. Der Professor sank zu Boden, seine Augen schweigend auf die Nacht fixiert, und schluckte den Schrei.

Ende

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